STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Antwort auf Offenen Brief in der Jungen Freiheit

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3a45cc9d34In der vergangen Woche veröffentlichte die Wochenzeitung »Junge Freiheit« einen Offenen Brief ihres Kolumnisten Baal Müller, wo dieser sich mit dem »Ausstieg« von Andreas Moalu aus dem rechten Lager beschäftigte. Wie jetzt gegenüber Andreas Molau, hatte die konservative Zeitung schon wenige Wochen vorher in einem Interview versucht, auch meinen Schlussstrich in ein opportunistisches Licht zu rücken. Heute haben Andreas Molau und ich zu diesen Unterstellungen in einem Offenen Brief  geantwortet :

Lieber Herr Müller,

in Ihrem Offenen Brief an Andreas Molau aus der vergangenen Woche beschäftigten Sie sich mit seinem Interview in der ZEIT. Offene Briefe haben den Charakter, dass man erwartet, dass der Angesprochene ebenfalls öffentlich Stellung bezieht. Sicherlich werden Sie sich wundern, dass sich nun nicht nur der Angesprochene zu einer Antwort entschlossen hat. Der Brief, den Sie verfasst haben, ähnelte im Duktus genau dem vor wenigen Wochen in der Jungen Freiheit veröffentlichen Interview mit Stefan Rochow, einem weiteren „Abtrünnigen“. Daher erscheint es uns beiden legitim, Ihnen zusammen zu antworten.

Sie kritisieren mehr oder wenig unverhohlen den Schlussstrich von Andreas Molau mit seinem bisherigen Denken. Sie können sich zwar öffentlich nicht dazu durchringen, diese Überprüfung bisheriger Standpunkte als „Verrat“ zu bezeichnen. Die Art und Weise Ihrer Kritik lässt allerdings keinen anderen Schluss zu als den, dass Ihr Weltbild erschreckend bipolar zu sein scheint. Sie befinden sich mit diesem Denken aber offensichtlich in bester Gesellschaft: Entweder man setzt sich mit jeder Faser für das Vaterland ein, man ist konservativ – rechts wollte die Junge Freiheit ja vor Jahren nicht mehr sein – oder man ist Gegner, der „geist- und seelenlosem Multikulturalismus“ das Wort redet, der Gesinnungsschnüffelei und Intoleranz unterstützt. Diese Art von Schwarz-Weiß-Denken empfinden wir doch als sehr befremdlich. Man kann offensichtlich nur einhundert Prozent für etwas sein oder einhundertprozentig dagegen. Kein Platz für Abwägungen, die Analyse von Vor- und Nachteilen – also auch die Wahrnehmung von Grautönen? Für uns hingegen gehört Veränderung, selbstverständlich auch die Änderung von Standpunkten, zu einer offenen Gesellschaft dazu.

Freund-Feind-Denken baut keine Brücken

Für Sie hingegen scheint jede Erkenntnis, sich in politischen Einschätzungen getäuscht zu haben, Abfall von der „guten und gerechten Sache“ zu sein. Da sind die Angepassten. Sie nennen das die Mitte der Gesellschaft, die NPD nennt es das „System“ und diese Gegner sitzen an den Geldtöpfen und zerstören kräftig alimentiert das Abendland. In diesem zurechtkonstruierten Konglomerat sind alle gnadenlos – Heimat und Gesellschaft werden da als Begriffe dekonstruiert.

Offenbar stehen Sie mit so einem Denken ganz in der Tradition von Carl Schmitt, der davon ausgeht, dass das Politische in seinem Kern nichts anderes als die Bestimmung von Freund und Feind ist. Politisch sein heißt, eine komplexe Realität binär einzusortieren unter Ausschaltung aller Zwischentöne nach möglichst einfachen Lösungen zu suchen. Genau dieses Denken haben wir in Frage gestellt und lehnen es inzwischen ab. Das macht uns offenbar nun Rechtsaußen wie Linksaußen verdächtig. Trotzdem halten wir es für richtig, die Feindbildfixierung, die in allen extremistischen Strömungen anzutreffen ist, abgelegt zu haben.

Zwischen der von Ihnen aufgemachten Ordnungslogik, der an einer Paranoia grenzenden Angst vor „dem Feind“ gibt es nichts Verbindendes, nichts was Brücken zum Anderen bauen könnte. Woher kommt Ihre Angst vor dem Anderen? Ihr eigentümliches Menschenbild springt uns aus jedem Satz Ihres Briefes förmlich entgegen: Menschen scheinen bei Ihnen nicht aus eigenem Antrieb zu handeln, sie sind – wenn Sie nicht auf Ihrer Seite stehen – manipulierte, auf den eigenen Vorteil bedachte und fremdgesteuerte Subjekte. Wir fragen uns ernsthaft, warum Sie Ihre Feindbilder offensichtlich so dringend benötigen?

Wir können inzwischen mit diesen von Angst konstruierten Feinbildern nichts mehr anfangen. Für uns erschließt sich Identität nicht aus der ausschließlichen Fixierung und Projektion auf den übelwollenden Anderen, auf den „Feind“. Wir wollen weder Heimat und Identität dekonstruieren, noch wollen wir Identität ausschließlich durch einen Rückgriff in die Geschichte bestätigen oder verteidigen. Noch weniger betrachten wir Identität als etwas, worauf man stolz sein müsste. Identität hat seine Wurzel in der gemeinsamen kulturellen Erfahrung. Vielleicht ist es gerade das Problematische an der Frage der deutschen Identität, dass sie fast ausschließlich nur abgrenzend definiert wird. Dieser Erkenntnis bewirkte neben vielen anderen Prozessen – die individueller Natur sind – die heutige Abkehr von unseren ursprünglichen Denkansätzen.

Wir sehen uns daher in keiner Weise als Unterstützer oder Befürworter einer „betonköpfigen Politik in den Bürgerkrieg“. Uns geht es darum, Brücken zu bauen und Schwarz-Weiß-Schemen, die in unserer Gesellschaft leider viel zu viel zu finden sind, in Frage zu stellen. Dazu gehört für uns dann auch das Thema Umgang mit „Aussteigern“. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass es hier einen großen Nachholbedarf in Sachen Integration gibt. Unser Handlungsansatz heißt auch in diesem Bereich neben der Entfeindung, Abbau von Ängsten, die wir immer wieder wahrnehmen.

Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Es gibt keine berechtigten Gründe, Angst haben zu müssen. Die von Ihnen in Ihrem Brief aufgemachten Angstszenarien bringen niemanden weiter. Sie reden von Bürgerkrieg. Was ist aber bitte Ihr Beitrag, um einen Bürgerkrieg zu verhindern?

Wo ist Ihre „geistige Heimat“?

Wir haben deutlich gesagt, wo wir stehen. Wir wollen ein offenes, pluralistisches Land. Niemals würden wir behaupten, dass Einwanderung keine Probleme verursacht. Es reicht uns aber nicht aus, diese Probleme in die Welt hinauszuposaunen und auf der anderen Seite gegen die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund zu sprechen. Wir wissen, das es notwendig ist, auf Menschen zuzugehen, nicht nur im Bereich der Integration. Ab- und Ausgrenzung aus Angst oder einem einfach gestrickten Freund-Feind-Denken, lehnen wir daher auf allen Seiten ab. Ist das der Gesinnungswandel, den Sie beklagen?

Sie behaupten, wir wollten im Kreis der „Gutmenschen“ und „Antifaschisten“ aufgenommen werden. Wie kommen Sie darauf? Wenn wir heute geschlossene und biologische Weltbilder ablehnen, heißt das noch lange nicht, dass wir die Art und Weise des Umgangs mit Rechtsextremisten richtig finden. Im Gegenteil, gerade, weil wir dort immer wieder auf die Adaptierung des schmittschen Freund-Feind-Denkens treffen, halten wir die heute häufig praktizierte Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus grundlegend für gescheitert. Daher haben wir nicht vor, uns von einer Wagenburg in eine andere zu verschanzen. Wir spüren aber ebenso, dass wir mit diesen Gedanken nicht alleine dastehen. Sie polarisieren und leben von Feindbildern, ohne sich dabei festlegen zu wollen. Wie die NPD, die sie ablehnen, wollen sie nicht sein. Sie beantworten aber nicht die Frage, wie Sie es denn gerne hätten? Multikulturalismus nein, aber was soll mit den Menschen passieren, die hier leben? Zwangsassimilation oder gar Ausweisung? Halten Sie einen ethnisch homogenen und ausgrenzenden Staat, wie ihn die NPD fordert für erstrebenswert? Wo ist Ihre „geistige Heimat“?

Sie zeichnen die Gesellschaft als eine Ansammlung von „Jasagern“, die ihre Fähnchen in den Wind halten. Ihre Identität scheint sich durch Verallgemeinerungen zu konstituieren, durch Vorurteile. Der Feind, da argumentieren Sie wie Extremisten jeglicher Couleur auch, muss nach solcher Logik „dekonstruiert“ werden – wenn man dieses schöne Wort aufgreifen möchte. Deshalb dichten Sie einen „pompösen“ Ausstieg an, wähnen Belohnungabsichten und korrekte Gesinnung. Gesellschaft ist aber kein anonymisierbarer Begriff, sondern jeder Einzelne bildet als Teil des Ganzen diese Gesellschaft. Daher halten wir es für nicht akzeptabel, wenn diese Gesellschaft von den Scharfmachern dominiert wird. Uns geht es um den Einzelnen: Migranten, die sich in unsere Gesellschaft einbringen; Demokraten, die die Sorge vor Extremismus umtreibt und die jene Werte verteidigen, die vor 200 Jahren auch deutsche Patrioten zum Handeln aufriefen; wir sehen Menschen, die sich ganz konkret vor Ort in Projekten für ihre Nächsten, für ihre Heimat einsetzen. Diesen Menschen fühlen wir uns verbunden. Sie sind Deutschland!

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Written by Redaktion

31. Mai 2013 um 6:05 pm

Veröffentlicht in Persönliches

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