STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Professionelle Gespräche, schamlose Böcke und die Idee dahinter

leave a comment »

Der Schock vom Sonntag sitzt bei den Medien tief. Dabei hatte man sich wirklich bemüht, die FDP nach allen Regeln der Kunst aus dem niedersächsischen Landtag zu schreiben. Wirklich niemand hätte bis zu diesem Tag auch nur einen Pfifferling auf die FDP gesetzt. Wer konnte den ahnen, dass am Ende der Bürger den »Medienempfehlungen« nicht folgen würde? Wirklich ärgerlich.

Doch noch ist nicht aller Tage Abend. So schnell geben Journalisten nicht auf, die ja schließlich auf der Seite der Guten stehen. Da kommt Laura Himmelreich – die Journalistin, die über ein Jahr geradezu Unglaubliches mit sich herumgetragen hat – mit ihrer Story gerade richtig. Jetzt muss doch wohl auch der letzte Bürger seine Widerspenstigkeiten aufgeben. Sex, Crime und Schmuddligkeit, das ist der Stoff, der dem treuen Fernsehzuschauer tagtäglich in Überdosis zugemutet wird. An diese Schlüpfrigkeit ist man deshalb so gewohnt, dass das Publikum geradezu nach solchen Storys lechzt.  Genau da setzt der Stern nun an und die anderen Medien drehen sich munter mit, wenn Frau Himmelreich in dieser Zeitschrift nun ihre Pirouetten drehen darf.

Die Geschichte liegt gut ein Jahr zurück und beginnt völlig harmlos. Frau Himmelreich sitzt an einer Hotelbar und hat sich vorgenommen, dort ein »professionelles Gespräch« zu führen. Nun gebe ich gerne zu, dass ich vielleicht ein wenig aus der Art schlage. Ich trinke an der Hotelbar höchstens mal einen Absacker und habe dort meistens nur das Bedürfnis zu plaudern. Ein professionelles Gesprächen möchte ich selten führen, zumindest nicht an einer Hotelbar. Aber was soll es: Jedem Tierchen sein Pläsierchen, wie man so schön sagt. Soll Frau Himmelreich ruhig in solchen Situationen scharf auf professionelle Gespräche sein. Scharf soll aber nicht nur Frau Himmelreich, sondern auch Rainer Brüderle, der Fraktionschef der FDP, gewesen sein. Dieser war nämlich auch an der Hotelbar. Geradezu »angewanzt« soll er sich haben. Schon wird aus dem Barereignis ein Politikum und passt bestens in die Stimmungslage, die momentan im Medienbetrieb vorzuherrschen scheint.

»Brüderles Blick«, das gibt Laura Himmelreich preis, wandert auf meinen Busen. »Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.« Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie. »Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen.« »Herr Brüderle«, sage ich, »Sie sind Politiker, ich bin Journalistin.« »Politiker verfallen doch alle Journalistinnen«, sagt er. Ich sage: »Ich finde es besser, wir halten das hier professionell.« »Am Ende sind wir alle nur Menschen.«

Inzwischen ist es nun ein Uhr und das Gespräch hat für jeden ersichtlich einen völlig unprofessionellen Verlauf genommen. Eine Sprecherin tippt Herrn Brüderle auf die Schulter und drängt ihn, sich nun zu verabschieden. Noch einmal Frau Himmelreich:

»Brüderle verabschiedet sich von den umstehenden Männern. Dann steuert er mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht zu. Ich weiche einen Schritt zurück und halte meine Hände vor meinen Körper. Die Sprecherin eilt von hinten heran: ‚Herr Brüderle!‘, ruft sie streng. Sie führte ihn aus der Bar. Zu mir sagt sie: ‘Das tut mir leid.‘  Zu ihm sagte sie: ‚Zeit fürs Bett.‘.

Sicherlich gehört dieser Auftritt nicht zu den Sternstunden des Herrn Brüderle. Viel entscheidender dürfte aber der Zeitpunkt sein, an dem sich Laura Himmelreich die Begegnung mit Herrn Brüderle öffentlich aufzuarbeiten, gerade richtig. Sogar eine Vorabmeldung ist dieses Ereignis dem Stern wert. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Mir geht diese Form der Auseinandersetzung mit der FDP gehörig auf die Nerven. Nicht weil ich ein Anhänger der FDP bin. Nein, mir geht es gegen den Strich, dass, anstatt eine Partei oder ein Meinung zu widerlegen, immer und immer wieder in der Öffentlichkeit zum Mittel der Diskreditierung gegriffen wird. Diese Form der Auseinandersetzung fällt am Ende auf die Urheber selbst zurück.

Wenn der Stern nun einfordert: » Es ist eine Frage des Respekts, den man sich gegenseitig entgegenbringen sollte, egal welchen Alters, egal welchen Geschlechts. Es geht schlicht um ein Mehr an Zivilisation.«, dann kann ich nicht glauben, dass darin das wirkliche Anliegen der Veröffentlichung liegt. Es scheint weniger um »schamlose Böcke in Nadelstreifen« als um einen Kampf gegen eine Partei zu gehen, mit dem man letztlich die Bundesregierung treffen möchte. Dem vermeintlichen Anliegen, mehr Respekt untereinander einzufordern, dient Zeitpunkt und Form jedenfalls nicht.

Diese Form von Diskreditierungspolitik ist nicht neu. Sie ist während des Kalten Krieges vom Osten entwickelt worden. Immer wieder wurden tatsächliche oder vermeintliche Sexaffären vorgekrammt, um Spitzenkandidaten öffentlich unter Druck zu setzen. Den Kalten Krieg gibt es nicht mehr – die Methoden hingegen, scheinen bis heute nicht ausgestorben zu sein. Unbedenklich ist das nicht und dem offenen Diskurs der Meinungen dient es in keinem Fall.

Stefan Rochow twittert auf twitter.com/Stefan Rochow

Advertisements

Written by Redaktion

26. Januar 2013 um 11:57 am

Veröffentlicht in Gesellschaft und Politik

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: