STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

»Der Gigant im Reich Gottes«

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Am vergangene Donnerstag wäre Pater Werenfried van Straaten (1913-2003) 100 Jahre alt geworden. Auf seinem Grabstein in Königstein, fasst eine Inschrift sein Leben prägnant zusammen:

»Man nannte ihn Speckpater,
Kämpfer für den Frieden,
Bettler Gottes für die Armen der Welt.
Priester aus holländischer Lehrerfamilie,
Vertrauter von vier Päpsten,
Freund von Heiligen,
Beschützer von Verfolgten und Unterdrückten,
Brückenbauer für die Einheit der Kirche.
Hüter der christlichen Familie.
Gründer von “Kirche in Not”.
Mann unerschütterlichen Gottvertrauens.«

Es gab viele Spitznamen, die den Prämonstrantenser-Mönch zu Lebzeiten umgeben haben: Speckpater, Bulldozer, Dampfwalze, letzter General des Kalten Krieges. Alles beschrieb die Persönlichkeit von Pater Werenfried. Selbst als Kardinal Frings aus Köln ihn einmal einen »modernen Dschingis-Khan« nannte, der alles mitnimmt, was er auf dem Weg findet, lag er damit nicht falsch. Er selbst hingegen liebte seinen Spitznamen »Speckpater«. Diesen trug er nicht, weil er in jungen Jahren ziemlich korpulent gewesen ist. Nein, diesen Namen trug er, weil Feindesliebe für ihn nicht nur eine leere Worthülse gewesen ist.

Schon 1944 gründete er die sogenannte »Anti-Hass-Liga«. Deren Mitglieder verpflichteten sich unter anderen, wenigstens einmal am Tag ein kleines Gebet für seine ärgsten Feinde zu sprechen.

Nach dem 2. Weltkrieg, wurde Pater Werenfried van Straaten aber besonders gebraucht. Millionen deutscher Heimatvertriebener lebten in den unwürdigsten Verhältnissen. Viele hausten in wirklich miesen Unterkünften.  Pater Werenfried erinnerte sich hier an die Weihnachtsgeschichte. Auch hier hatte die Heilige Familie keinen Platz. In der Weihnachtsausgabe seiner Abtei-Zeitung rief er zur Nächsten- und Feindesliebe auf. Er, der miterlebt hatte, was die Deutschen seinem Volk angetan hatten, schrieb unter der Überschrift »Kein Platz in der Herberge« über das unsägliche Leid der Heimatvertriebenen. Er bat seine Landsleute, die oftmals einen Verwandten durch Deutsche verloren hatten, um Unterstützung für den Feind:

»Hundert Kilometer ostwärts liegt eine Stadt in Trümmern. Es ist fast nichts mehr davon übrig, nur ein riesenhafter Bunker, wie sie die Deutschen überall gebaut haben, um die Bevölkerung vor den Bomben zu schützen. Die übrig gebliebenen, völlig verarmten Menschen der Stadt, hausen in diesem einzigen Bunker. Tausende hocken hier beisammen.  Es herrscht ein verpesteter Gestank. Jede Familie – soweit man noch von Familien sprechen kann – liegt zusammengepfercht auf einigen wenigen QuadratmeternvBeton. Es gibt weder Feuer noch Wärme, es sei denn die Wärme anderer Körper, woran man sich festklammert… Und Christus will auch in diesen Menschen leben – es sind übrigens unsere katholischen Brüder – mit Seiner lilienweißen Reinheit, Seiner Nächstenliebe und Güte. Die Hirten haben Christus in einem Stall angebetet, aber diese Leute haben noch nicht einmal einen Stall. Nach menschlichem Ermessen kann Christus dort nicht leben, weil kein Platz für ihn da ist … Das ist die Not Christi.«

Was niemand erwartet hatte geschah. Die Hilfsbereitschaft als Reaktion auf diesen Artikel war überwältigend. Bald machte sich der Pater auf den Weg zu den Bauern, um sie um Speck für die Deutschen zu bitten. Sie gaben ihm reichlich. Von dieser Zeit rührte sein Spitzname Speckpater. Im Jahre 1950 predigte er – ihm war dabei sehr mulmig zumute, wie er später selber zugab – in der Gemeinde Vinkt. Die Deutschen hatten hier einige Jahre vorher 96 Bewohner des Dorfes erschossen. Die Herzen waren dementsprechend verhärtet. Pater Werenfried schloss sie auf. Auch dort konnte er viele Spenden einsammeln. Pater Werenfried lernte aus dieser Begebenheit »die Menschen sind viel besser, als wir denken« In den nachfolgenden Jahren benutzte er diesen Satz häufiger. Mit seinen Aktionen hatte er den Grundstein für die Gründung des heute weltweit tätigen katholischen Hilfswerk »Kirche in Not« gelegt.

Seit dem Jahr 1952 führte der Pater in Königstein regelmäßig Kongresse durch. Auch Menschen aus dem Ostblock nahmen an diesen Kongressen teil. Aus deren Erzählungen, konnte er sich ein Bild über die Menschenrechtsverletzungen des Sowjetregimes und seiner Satellitenstaaten machen. Er begriff schnell, dass die Menschen hier seine Hilfe benötigten. Diesmal bat er die Deutschen, die es inzwischen wieder zu Wohlstand gebracht hatten, um Hilfe für die Menschen im unterdrückten kommunistischen Machtbereich. Die Deutschen halfen gerne. In den kommenden Jahren war die Hilfe für die Menschen in Mittel- und Osteuropa der Mittelpunkt der Arbeit von Kirche in Not.  Dabei scheute der Pater auch den eigenen Einsatz nicht. Während des Aufstandes in Ungarn im Jahr 1956 fuhr er unter Lebensgefahr mit einem Hilfskonvoi nach Ungarn. Wo Menschen seine Hilfe benötigten, stand er nie abseits sondern packte entschlossen zu.

Immer und immer wieder bettelte er bei allen erdenklichen Gelegenheiten mit seinem heute fast legendären Hut um Geld, damit er die Armut der Menschen lindern kann. Er war der Auffassung, das Gott bei diesen notleidenden Menschen weint. Daher sah er sich in der die Tränen, so gut er eben konnte, zu trocknen. Neben der materiellen Armut war es auch die geistige Armut – die Ferne von Gott – die er immer auch im Blick hatte. Er war mehr als ein Sozialarbeiter. Er motorisierte die »Rucksackpriester«, damit diese besser seelsorgerisch tätig werden konnte. Er baute LKW´s  zu fahrenden Kapellen um, damit die Priester an wechselnden Orten mit den Gläubigen die Heilige Messe feiern können. Damit kam die Kirche zu den Menschen.

Weiter unterstützte er in den nächsten Jahren immer wieder Kirchenbauten. Er gründete zu diesem Zweck eigens einen Bauorden, in denen Freiwillige neben Siedlungen auch Kirchen bauten. Bereits 1960 bauten 60.000 junge Menschen in diesem Bauorden und zeigten den Erfolg des Unternehmens.

Sein Hilfswerk wuchs und wuchs. Nicht nur der kommunistische Machtbereich stand nun im Fokus der Arbeit. Bald unterstützte das Werk auch Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Schon 1959 lernte er Mutter Theresa in Kalkutta kennen. Er war von ihrer Arbeit so angetan, dass er maßgeblich dazu beitrug ihr Wirken in Europa bekannt zu machen.

Sein Werk verstand er als eine »Schule der Liebe«, worauf er immer wieder hinwies. 1992, der Kommunismus war inzwischen zusammengebrochen, reiste der von den kommunistischen Machthabern diffamierte »letzte General des Kalten Krieges« nach Moskau. Er sprach mit den Menschen. Während einer Wachablösung vor dem Lenin-Mausoleum betete er den Rosenkranz. Er hatte am Ende recht behalten, wenn er feststellte: »Der Kommunismus ist nicht ewig. Er wird verschwinden, wie jede Schreckensherrschaft verschwunden ist. Einmal wird das Maß der Prüfungen voll sein. Dann wird der Allmächtige sein Wort sprechen in Moskau und Peking, die Mauern umstürzen, die Eisernen Vorhänge zerreißen und wieder eine offene Tür zum Osten geben.«

Von Papst Johannes Paul II. gebeten, widmete er sich nun seiner letzten Lebensaufgabe, der Hilfe der russisch-orthodoxen Kirche.

Nie übersah er aber auch die Not der Kirche in Westeuropa. Die vielen untreuen Priester und Theologen gegenüber dem Papst, der Verfall der Siiten, aber auch der millionenfache Mord an ungeborenen Menschen im Mutterleib – für Pater Werenfried waren das Zeichen, die ihn aufhorchen ließen. Immer wieder bezog er dagegen klar und unmissverständlich Stellung. Dass er sich damit nicht nur Freunde machte, störte ihn nicht. Er erkannte früh die Notwendigkeit der Neuevangelisierung Westeuropas. Wie immer, scheute er auch hier seinen persönlichen Einsatz nicht.

Zwei Wochen nach seinem 90. Geburtstag im Jahr 2003 starb Pater Werenfried. Sein Werk, das heute in 149 Ländern aktiv ist, ist der bleibende Beleg für die Richtigkeit des Wirkens des Speckpaters. Im Jahr 2011 erhob Papst Bendikt XVI. das Hilfswerk Pater Werenfrieds in den Rang einer Päpstlichen Stiftung und zeigte damit öffentlich seine Sympathie für die Arbeit von Kirche in Not. Der »Gigant im Reich Gottes« (Kardinal Meissner) wird mit seinem Werk in bleibender Erinnerung bleiben. Viele Menschen haben ihm zu verdanken, das ihre Tränen getrocknet werden.

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Written by Redaktion

19. Januar 2013 um 9:05 pm

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