STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Rommel-Verfilmung: Näher als uns lieb ist!

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Kann es ein richtiges Leben im Falschen geben?  Adorno hat diese Frage eindeutig in seinen “ Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ verneint.

Gestern Abend wurde dem Fernsehzuschauer nicht nur diese Frage vorgelegt. Man konnte darüber hinaus einen Blick in den Abgrund der menschlichen Seele werfen. Der Fernsehfilm „Rommel“ auf der ARD, zeichnete die letzten Monate des wohl damals populärsten Generals unter Adolf Hitler nach. Rommel, der „Wüstenfuchs“, der „Held“ in Afrika, wird an die Westfront versetzt. Er soll die alliierte Invasion aufhalten. Rommel weiß ganz genau, dass er eigentlich keine Chance hat. Hitler, inzwischen gänzlich jedweder Realität entrückt,  entpuppt sich zusehends als immer brutaler agierender Machthaber. Widerspruch ist das Letzte, was er duldet.

Rommel ist viele Jahre ein getreuer Gefolgsmann des Diktators gewesen. Seine Karriere, seine Beförderung in den höchsten Generalsrang, den die deutsche Wehrmacht zu vergeben hat, ist eng mit Adolf Hitler verbunden. Diesem Mann kommen aber nach und nach Zweifel: Zweifel, ob dieser Krieg noch zu gewinnen ist und Zweifel darüber, ob Hitler nicht längst alle ethischen Maßstäbe überschritten hat. Bei allen Gewissensbissen und bei aller vorsichtiger Kritik am Kurs der NS-Diktatur: Rommel ist Soldat und fühlt sich an seinen Eid gebunden. Er hat in seinem Leben nichts anderes gelernt als Treu den geschworenen Eiden zu sein. Bis heute bildet diese Treue eine Grundlage für die Funktion einer Armee. Befehl und Gehorsam sind die unabdingbaren Bestandteile militärischer Ordnung.

„Die da oben sind nicht sauber“, sagt Rommel unumwunden seiner Frau. Trotzdem schwangt er bis zum Schluss zwischen Bewunderung für Hitler, Pflichtgefühl, Soldaten-Eid und der Überzeugung, dem Spuck muss ein Ende bereitet werden. Hitler muss die Macht entrissen werden. Für die Unterstützung eines Attentats auf Adolf Hitler, längst in Wehrmachtskreisen eine beschlossene Sache, kann er sich bis zum Schluss nicht durchringen. Die Bestie reißt ihn letztlich aber doch in den Abgrund.

Zwei kurz angebundene und finster dreinblickende Wehrmachts-Generäle, eröffnen dem schwer verwundeten Generalfeldmarschall, dass Hitler seinen Selbstmord wünsche. Rommel steht nun vor der letzten Entscheidung in seinem Leben: Verurteilung als „Hochverräter“ und Sippenhaft seiner Familie oder ein Freitod mit Staatsbegräbnis und Versorgung seiner Familie. Erwin Rommel entscheidet sich für den Freitod.

Der Regisseur Niki Stein hat in seinem Film darauf verzichtet, eine Dramatisierung des Nationalsozialismus vorzunehmen. Er zeichnet Rommel als eine Persönlichkeit, die innere Kämpfe mit sich führt und sich bis zur letzten Entscheidung um eine klare Positionierung für oder gegen Hitler herumdrückt. Gerade die filmerische Aufbereitung dieser Phase in Rommels Leben, lässt den Generalfeldmarschall menschlich erscheinen. Der Zuschauer hat zum Schluss Mitleid mit der tragischen Figur Rommel. Er erscheint als ein Mensch, der nach und nach mit dem in Konflikt gerät, woran er einmal geglaubt hat. Das er zum letzten Bekenntnis gegen Hitler nicht fähig zu sein scheint, mag für uns – die wir mit einem emotionalen Abstand Geschichte bewerten, aber leider viel zu wenig verstehen – befremdlich sein. Viel lieber sind uns daher wirkliche Helden, die auch den letzten Einsatz für eine Sache wagen, von der sie überzeugt sind. Wie gerne und leicht identifizieren wir uns mit so einem Helden? Wie wenig nehmen wir aber dagegen war, dass diese Helden in der Geschichte der Menschheit immer nur eine Minderheit sind? Viele Menschen glauben lieber, dass es ein richtiges Leben im Falschen geben kann. Sie gehen den Weg des geringsten Widerstandes und ordnen sich unter, obwohl sie rebellieren könnten.

Unter diesem Aspekt ist es geradezu unverständlich, wenn die Filmkritiker heute bemängeln, Ulrich Tukur, hätte mit seiner Darstellung von Erwin Rommel, diesem zu viel Menschlichkeit verliehen. Ein zweifelnder General, der am Ende doch zaudert – fast 70 Jahre nach Ende der NS-Herrschaft, scheint das immer noch ein Tabu zu sein.

Rommel, dass muss klar sein, eignet sich nicht zur Heldenstilisierung. Er muss in seiner Position Dinge mitbekommen haben, die ihm deutlich machten, dass er sich einer Idee verschrieben hat, die viele Menschen ins Unglück stürzt und für zahllose Verbrechen verantwortlich ist. Dass er trotzdem zauderte, zeigt auf, wie er in der letzten Konsequenz doch an sich selbst scheiterte. Vielleicht kommt aber gerade dieses Handeln der Realität näher. Strahlende Helden findet man auf diesem Erdenball meistens ebenso selten wie den tiefbösen Schurken. Es ist immer Platz für Grautöne. Diese Grautöne kamen gestern Abend sehr gut zur Geltung. In diesem Sinne war Rommel eine gute Gelegenheit die Menschennatur zu studieren. Am Ende hatte der gestrige Fernsehabend doch mehr mit uns zu tun als wir uns vielleicht manchmal eingestehen wollen

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Written by Redaktion

2. November 2012 um 3:11 pm

Veröffentlicht in Gesellschaft und Politik

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