STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Rabbi-Überfall in Berlin: Wer ist es morgen?

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Was ist los? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich hörte, dass ein Jude in Berlin auf offener Strasse zusammengeschlagen wird. Fragezeichen hatte ich auch im Kopf, wenn das sechsjährige Kind von den Angreifern mit dem Tod bedroht wird. Was ist also los?

Natürlich kann ich versuchen – viele anderen tun es ja auch tagtäglich – die Augen zu verschließen und mich selber zu beruhigen, dass es sich bei diesem Angriff nur um einen Einzelfall handelt. Ist das wirklich so?

Wenig später sitze ich in Schwerin in der Straßenbahn. Zwei ältere Schulkinder unterhalten sich lauthals und ich werde gezwungenermaßen zu Mithörer. Sie erzählen sich Judenwitze. Ich habe im Grunde nichts gegen Witze. Viele mir bekannte Witze über Juden, haben mir jüdische Menschen selbst erzählt. Wer in der Lage ist, auch einmal über sich selber zu lachen, ist mit sich selbst und seinem Umfeld im Reinen. Doch diese Witze waren makaber, ja geradezu verletzend. Die Grenze des guten Geschmacks war überschritten. Solange solche Dinge in den Köpfen von Menschen herumgeistern, darf man Dinge wie in Berlin nicht ignorieren.

Ja gut, wird mancher Zeitgenosse mir jetzt entgegenhalten: Die Täter waren doch Moslems. Wir haben doch damit nichts zu tun!

Das ist nicht richtig. Warum sollen uns Angriffe auf Juden durch Moslems in unserem Land nichts angehen? Haben Moslems in Deutschland das Recht Juden anzugreifen? Gibt es etwa Gründe, die solche Taten entschuldigen. Dürfen Moslems mit einem Hinweis auf die politische Situation im Nahen Osten die Juden hassen? Darf uns so etwas in unserem Land kaltlassen? Ist es nicht ein Akt der Feigheit, der Ignoranz und mangelndes Unrechtsbewusstsein, wenn wir uns mit solchen Argumenten zu Zuschauern degradieren?

Wo bleibt unsere Zivilcourage, wenn so etwas passiert? Wo blieb in den letzten Jahren der Protest der so viel gerühmten „Zivilgesellschaft“, wenn Moslems Tag für Tag in Ihrem Umfeld in antisemitischem Geist erzogen werden? Viele Moslems empfangen heute in Deutschland Satellitenfernsehen. Was türkische, iranische oder arabische Medienanstalten hier Tag für Tag in die Gehirne der moslemischen Heranwachsenden blasen, ist mehr als bedenklich. Wir Deutsche hingegen haben in den letzten Jahren immer mehr gelernt es hinzunehmen, wenn Antisemitismus aus der moslemischen Ecke kommt. Bei der Politik des Staates Israel sei es doch ganz verständlich, hier etwas gegen Juden zu haben. Dieser Aussage stimmen laut einer Befragung aus dem Jahre 2011 über 40 Prozent der Bundesbürger zu. Was ist also los in Deutschland?

In Deutschland haben wir in den letzten Jahrzehnten viele Tabuzonen errichtet. Öffentliche Diskussionen in diesen Bereichen sind quasi nicht mehr möglich. Die schrittweise Radikalisierung junger Moslems haben wir überwiegend schweigend hingenommen. Wir möchten schließlich nicht als Ausländerfeinde oder Antiislamisten öffentlich an den Pranger gestellt werden. Diese Angst hat uns zum Schweigen gebracht. Dass im Gegenzug jüdische Menschen mit dem Gedanken spielen, ihre eigene religiöse Identität zu verstecken, nur damit Sie nicht angegriffen werden, sollte uns hellhörig werden lassen. Nachdem wir darüber nachgedacht haben, müssen wir Aufschreien. Die Extremisten unter den Moslems, die Juden in Deutschland angreifen, hassen den Westen, die Demokratie und den Pluralismus mindestens ebenso wie sie die Juden hassen. Wir sind also keine Zuschauer, sondern mitten drin in der Auseinandersetzung. Heute ist es ein Rabbi. Wer ist es morgen?

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Written by Redaktion

1. September 2012 um 10:23 am

Veröffentlicht in Gesellschaft und Politik

2 Antworten

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  1. Leider haben Sie uns Lesern nicht mitgeteilt ob Sie die Jugendlichen darauf angesprochen haben, dass man solche Witze über Juden nicht macht. Auch hätten die Leser sicherlich gerne über die Reaktion der Jugendlichen gelesen. Schade das Sie dies vergessen haben,

    Elvira

    20. September 2012 at 9:09 pm

    • Ich habe die Jugendlichen leider nicht darauf angesprochen. Hinterher habe ich mich über mich selbst geärgert. Vielen Dank für den Hinweis und die Nachfrage. Es war keine böse Absicht, den Lesern meine Reaktion nicht mitzuteilen.

      Administrator

      21. September 2012 at 7:12 pm


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