STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Grass ist kein Antisemit und hätte doch besser geschwiegen

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Es ist  ein Gedicht, das nun schon drei Tage das politische und kulturelle Deutschland in Atem hält. Ein 84-jähriger alter Mann hat es geschafft, eine Hysteriewelle auszulösen, an deren Ende vermutlich wieder einmal nur Verlierer stehen werden.

Auf der einen Seite steht Günter Grass selbst. Der Literaturnobelpreisträger scheint auch knapp 67 Jahre nach Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes, seine eigene Schuld und Verstrickungen nie verarbeitet zu haben. Günter Grass hat sich in einem Lügengebäude eingerichtet, dass ihm Sicherheit und die Möglichkeit gab, sich als moralische Instanz in der Bundesrepublik aufspielen zu können. Erst  2006 hatte er zugegeben,  sich als junger Mann freiwillig zur Waffen-SS gemeldet zu haben. Grass gehört einer früh verführten Generation an. Diejenigen, die auf die „Gnade der späteren Geburt“ zurückblicken können, sollten sich vor Verurteilungen und Anklagen hüten. Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient – auch Günter Grass.

Das Problem Grass liegt aber woanders. Im Jahr 1985 besuchten Bundeskanzler Kohl und US-Präsident Reagan gemeinsam einen Soldatenfriedhof in Bitburg, auf denen auch die sterblichen Überreste von 49 Angehörigen der Waffen-SS liegen. 32 von ihnen waren an ihrem Todestag unter 25 Jahre alt gewesen – was sicherlich für die Nachwelt Mahnung genug ist. Das ehemalige Mitglied der Waffen-SS Grass ätzte damals  „eine Geschichtsklitterung, deren auf Medienwirkung bedachtes Kalkül Juden, Amerikaner, und Deutsche, alle Betroffenen gleichermaßen verletzte.”  Daher auch der Wirbel um das Bekenntnis von Grass. Wer in der Vergangenheit immer wieder anderen Menschen Vorhaltungen macht und sich als moralisch unangreifbare Instanz aufspielt, muss sich nicht wundern, wenn er plötzlich als unglaubwürdig angesehen wird.

In seinem nun veröffentlichten Gedicht, lässt es Grass abermals an moralischer Integrität und Aufrichtigkeit fehlen. Die Kaltschnäuzigkeit von Grass in seinem Gedicht, die jegliche Sensibilität gegenüber der Notlage vermissen lässt, in der sich der Staat Israel befindet, ist erschreckend. Kein Wort darüber, das es die iranische Regierung unter Mahmud Ahmadinedschad gewesen ist, die dem jüdischen Staat nicht nur jegliches Existenzrecht abgesprochen hat, sondern auch seine Ausradierung einforderte.  Grass geht über diese Tatsachen einfach hinweg und erklärt kurzerhand Israel zum Unruhestifter in der Region. Mit seiner Vergangenheit, hat das aber nichts zu tun.  Grass zeigt der Öffentlichkeit, dass er die politische Lage im Nahen Osten nicht begriffen hat.  Daher hätte er besser geschwiegen.

Doch auch diejenigen, die Grass jetzt in der Öffentlichkeit widersprechen, bekleckern sich nicht mit Ruhm. Wild wird mit dem Vorwurf des Antisemitismus herumgefuchtelt, Grass seine Vergangenheit vorgehalten und Nazi-Vergleiche gewählt, die völlig unpassend sind. Ich kann die im Gedicht von Grass vertretenen Thesen nicht unterschreiben.  Ich wehre mich aber dagegen, das nun versucht wird, Günter Grass in eine Ecke zu stellen, wo er nicht hingehört. Mir geht es gehörig auf die Nerven, wie immer und immer wieder Kampagnen gegen Einzelpersonen zur „Unterhaltung“ der Masse losgetreten werden. Diese Form der Auseinandersetzung, die an Rufmord grenzt, halte ich für unwürdig. Jeder muss für sich entscheiden, ob er sich an diesen inszenierten Spektakeln beteiligen möchte. Ich empfinde es grotesk und eine Verharmlosung antisemitischen Gedankengutes, einen Menschen wie Günter Grass in die Nähe von Antisemiten rücken zu wollen. Dabei möchte ich nicht verschweigen, dass mir beim Lesen des Gedichts die Galle hochgekommen ist. „Die Atommacht Israel gefährdet den Weltfrieden“,  während die Tatsache, dass die iranische Regierung schon bei vielen Gelegenheiten betont hat, dass die Vernichtung des Staates Israel eines ihrer politischen Ziele ist, bewusst verschwiegen wird  und Unterstützer des Staates Israels  als „Zulieferer zu einem Verbrechen“ geschmäht werden – das alles zeigt einen gewissen Grad an geistiger Verirrung, dem entgegengetreten werden muss. Diese Auseinandersetzung soll aber bitte sehr mit Argumenten und nicht mit Totschlagformeln erfolgen.

Werfen wir abschließend noch einen Blick auf die Unterstützer des lyrischen Amoklaufs von Günter Grass. Hier waren es zuerst die Genossen der LINKEN, die den Literaturnobelpreisträger in Schutz nahmen. Dass es innerhalb der Partei Strömungen gibt, die starke antiisraelische Ressentiments haben und diese auch immer wieder in die Öffentlichkeit tragen, war schon vor den Auslassungen von Grass bekannt. Daher waren die Solidaritätsbekundungen nicht verwunderlich. In wie weit Grass sich in dieser Gesellschaft wohl fühlt, wird er selbst entscheiden müssen.

Die Unterstützung der NPD, dürfte Grass sehr ungelegen kommen, da er in diese Richtung nie hat Sympathien erkennen lassen. Trotzdem konnte man  die Uhr danach stellen, dass die NPD sich zu Wort melden würde. Wie eine Polithure, ist man dort immer bereit, mit jedem in Bett zu hüpfen, der den Anschein erweckt, auch nur ansatzweise als „Kronzeuge“ ihrer kruden Politik herhalten zu können.  Vielleicht sollte Rückendeckung aus dieser Richtung Grass selbst nachdenklich stimmen.

Auch der Herausgeber der Zeitschrift „Freitag“, Jacob Augstein, ist über Grass seine Worte über die „Bedrohung des Weltfriedens durch den Staat Israel“ hocherfreut. Er schreibt: „Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“

Einmal abgesehen davon, dass entgegen Augsteins These, Grass hier nicht für uns alle und speziell nicht für mich spricht, ist es bezeichnend, dass die meiste Zustimmung an den Rändern unserer Gesellschaft öffentlich gemacht wird.  Achten wir daher darauf, dass wir uns nicht zu sehr auf Grass einschießen. Das Gedicht ist schief  durch seine Auslassungen und die völligen Falschbeurteilung der Lage im Nahen Osten. Gefährlich werden solche Thesen nur, wenn sie unwidersprochen gelassen werden oder eine Hetzjagd erzeugt wird, die zu falschen Solidarisierungseffekten führen könnte.  Im Nahen Osten ist ein Regime aufgestanden, das wieder den Juden die Vernichtung androht. Passen wir  auf, dass unsere Seelen nicht durch überzogenes Hyperventilieren und Abarbeiten an Einzelpersonen so abgehärtet wird, dafür blind zu werden.

 

 

 

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Written by Redaktion

7. April 2012 um 3:22 pm

Veröffentlicht in Gesellschaft und Politik

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