STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Ist es wirklich Freiheit, die die Anti-Gauck-Bürgerrechtler meinen?

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„Bürgerrechtler gegen Gauck“ – so lautete in der vergangenen Woche eine Schlagzeile in der Taz. Insgesamt 11 mehr oder weniger bekannte DDR-Bürgerrechtler, stellen sich in einer öffentlichen Erklärung gegen Gauck. Bei 9 der Unterzeichner, handelt es sich um evangelische Pastoren wie Gauck selber einer zur Zeiten der DDR, gewesen ist.

Liest man die Erklärung stellt sich einem eigentlich nur die Frage: Warum das Ganze? Alles wirkt irgendwie unecht, gestelzt, aufgesetzt und an vielen Stellen etwas kleinkariert. Es ist aber vor allem unnötig. Warum werden hier also Gräben aufgerissen?

Wir, die Guten, die Unentwegten, vor allem die Zeitorientierten und er der Dinosaurier, der sich eigentlich selbst überholt hat. So könnte man die Erklärung der 11 Bürgerrechtler zusammenfassen. Schon am Anfang der Erklärung, machen die 11 Unentwegten klar, wie sehr ihnen die Opferrolle gefällt. „Wer kritische Einwände gegen den Präsidentschafts-Kandidaten vorbringt, muss mit empörten Reaktionen rechnen.“ – so einer der ersten Sätze der Erklärung. Dabei gehört es zur demokratischen Gepflogenheit, auf einen Diskurs – der im Übrigen von den Herren selbst eröffnet wurde – reagieren zu können. Mit empörter Reaktion hat das gar nichts zu tun, wenn man feststellt, dass man hier anderer Meinung ist als die Erklärer.

Es ist schon bemerkenswert, wenn in der Erklärung geschrieben wird „Anpassung war für uns in der DDR keine Option“. Es ist ja nicht so, dass man das den Unterzeichnern nicht glauben möchte – unterschwellig wird hier aber suggeriert, dass sich Joachim Gauck angepasst hätte. Dieser subtile Angriff kann aber nicht hingenommen werden. Ich selbst komme aus einer evangelisch geprägten Familie, die alles andere als damals „staatstragend“ gewesen ist. Mir ist sehr wohl bekannt, welche Möglichkeiten ein evangelischer Pfarrer hatte und welche ihm verwehrt gewesen sind. Mit Anpassung hatte das aber nichts zu tun. Das wissen – zumindest muss man davon ausgehen – die Unterzeichner selbst auch sehr genau. Die Frage „Cui bono? (Wem ist es von Vorteil?), drängt sich einem hier förmlich auf.

Spätestens jetzt ist man geneigt, sich die Unterzeichner und ihr Milieu einmal genauer anzusehen. Alle bewegen sich irgendwie mehr oder weniger im SPD-Grünen-Spektrum. Offenbar fehlt ihnen aber die Trennschärfe nach links außen so weit, dass sie hier gegen einen Kandidaten polemisieren, der aus ihren Kreisen heraus nominiert wurde, dem aber aus ihrer Sicht,  noch zu sehr die Bürgerlichkeit anhaftet, als das sie ihn unterstützen wollen. Das macht weniger Gauck als vielmehr die Unterzeichner verdächtig. Bei genauer Betrachtung, stellt man dann auch fest, dass ein Teil von ihnen, Unterstützer rot-roter Bündnisse auf Landesebene, aber vermutlich auch auf Bundesebene, sind.  Wird Gauck vielleicht genau aus diesem Grunde aus diesen Reihen angeschossen. Wenn in der Erklärung zu lesen ist: „Joachim Gauck hat die Erwartungen derjenigen beflügelt, die durch die Beschwörung des Antikommunismus die Freiheit verteidigen wollen.“, liegt diese Vermutung doch sehr nahe. Kritik an den SED-Nachfolgern ist also Antikommunismus  – so einfach und doch so verdreht ist die Welt der Unterzeichner.

Man kann für die parteitaktischen Spielchen ja noch einigermaßen Verständnis aufbringen. Das man aber hier die Lebensleistung von Gauck allgemein in Frage stellt, das ist nicht hinnehmbar und vor allem unfair. Vielmehr muss man sich doch eher darüber wundern, dass die Unterzeichner bereit sind, ihre Vorstellungen und Ziele mit denen umzusetzen, deren System sie damals bekämpft haben – deren Antworten auf die Zukunftsfragen heute wenig schlüssig und zum Großteil destruktiv sind. Das ist aber Sache der Unterzeichner und es gehört zur demokratischen Auseinandersetzung, sich auch mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen.

Warum man aber gerade zu diesem Zeitpunkt die Auseinandersetzung um die unterschiedliche Interpretation von Freiheit suchen muss, ist sicherlich eine interessante Frage? Irgendwie zwingt sich hier der Verdacht auf, das der Zeitpunkt bewusst gewählt ist und eine Anbiederung an den politischen Traumpartner der LINKEN sein soll. Für diesen Partner ist Gauck mit seiner konsequent antitotalitären Haltung immer ein rotes Tuch gewesen. Daher sind es wirklich fragwürdige Partner, denen sich die Unterzeichner hier offensichtlich andienen möchten. Die ganze Erklärung macht das jedenfalls nicht glaubwürdiger.

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Written by Redaktion

12. März 2012 um 8:46 pm

Veröffentlicht in Gesellschaft und Politik

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