STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Klüngel statt Leistung: Warum der Fall Wulff eigentlich viel tiefer geht

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„Aussitzen“ – mit dem Ende der Ära Kohl, schien dieses Politikerverhalten aus der Mode gekommen zu sein. Nun feiert es wieder fröhlich Urständ: Christian Wulff, längst ein schwankender Boxer auf den Bretter – die zumindest für ihn die Welt zu bedeuten scheinen -, hat sich entschlossen zu schweigen und die Stürme an sich abprallen zu lassen. Er möchte die Diskussionen um seine Person einfach aussitzen. Ob diese Taktik letztlich aufgeht, wird sich erst noch zeigen müssen. Im Moment scheint er, zwar arg gerupft, die Angriffe politisch überleben zu können. Zum Königsmord kann sich niemand entschließen. Taktieren und eigensüchtige Spielchen, quer durch alle politischen Lager, machen deutlich, wie es um die politische Klasse bestellt ist. Nein richtigerweise muss man sagen, wie es um die Moral allgemein in Deutschland bestellt ist.

Der Fall Wulff ist nicht alleine das Versagen des höchsten Repräsentanten unseres Staates, bei dem die Grenzen zwischen Amt und dem Profitschlagen aus diesem verwischt zu sein scheinen. Nein, das Dilemma ist viel größer: In Deutschland hat sich ein Klüngel gebildet, der Posten, Vorteile, Gunst und Macht unter sich aufteilt. Gut geht es denen, die an diesen Kungelrunden teilnehmen dürfen und mit Lorbeeren bedacht werden. Menschen werden schon lange nicht mehr wegen Wissen und Können mit Aufgaben betraut – sondern, weil sie sich angepasst, stromlinienförmig und meistens entsprechend gut vernetzt für diese Aufgaben empfehlen. Der Charakter bleibt dabei auf der Strecke oder wird bedenkenlos an der Klüngel-Garderobe abgegeben.

Nun haben wir uns alle in unserem Land inzwischen so schön daran gewöhnt, auf die Politik zu schimpfen. Das ist aber viel zu kurz und oberflächlich gedacht. Das Klüngelgift zieht sich durch alle Bereiche in unserem Land. In der Politik wird es uns nur deshalb so deutlich, weil hier mit Argusaugen geschaut, geurteilt und verurteilt wird.

Deutschland hat nicht nur ein Problem mit seinen Repräsentanten, sondern mit dem Wertekompass, der diese Republik ausmacht: Verdienen geht in allen Bereichen vor Dienen!.

Wurde uns nicht allen einmal in der Schule beigebracht, dass nur die Leistung zählt – reden wir nicht selbst immer wieder von der Leistungsgesellschaft? Das Leistungsprinzip ist aus den Angeln gehoben worden. Die Sicherheit, dass Leistung sich heutzutage noch lohnt, gibt es nicht mehr. „Soziale Gerechtigkeit“ ist der moderne Schlachtruf, unter deren Fahnen heute die verschiedensten Parteien ihre Wahlschäfchen sammeln möchten. Leistung ist dabei ins Abseits gedrängt worden und unter die Räder gekommen. Der Fall Wulff zeigt überdeutlich, wohin das führt.

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Written by Redaktion

15. Februar 2012 um 8:34 pm

Veröffentlicht in Gesellschaft und Politik

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