STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Erschreckende Studie: Latenter Antisemitismus tief verwurzelt

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Es ist noch nicht lange her, da wurden wir an den 70. Jahrestag der Wannseekonferenz erinnert. Auf dieser Konferenz wurde in Deutschland die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen. Millionen jüdische Menschen wurden durch diesen Beschluss ausgerottet. Im deutsch-jüdischen Verhältnis ist seit dem nichts mehr wie es war. Viele stellen sich heute die Frage, die wahrscheinlich nie ganz beantwortet werden kann: WIE konnte so etwas unter den Augen eines allgemein als Kulturvolk bekannten Volkes passieren?

Eine Antwort könnte sein, dass der Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft bis heute fest verwurzelt ist. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls der heute in Berlin vorgestellte Antisemitismusbericht, den ein unabhängiges Expertengremium zum ersten Mal im Auftrag des Bundestages erstellte. Die Wissenschaftler fordern die Politik unmissverständlich auf, entschlossen Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Der Zeithistoriker Peter Longerich, der den Bericht während einer Pressekonferenz vorstellte, kam zum Ergebnis: „Antisemitismus in unserer Gesellschaft basiert auf weit verbreiteten Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und auf schlichtem Unwissen über Juden und das Judentum“. Longerich machte auch weiter deutlich, dass es kaum Möglichkeiten gebe – gerade weil beispielsweise das Internet zur Verbreitung beiträgt -, die Verbreitung dieser Gedanken zu verhindern.

Bei etwa einem Fünftel der Bevölkerung gebe es einen latenten Antisemitismus. Die bisherigen Präventionsmaßnahmen wie zu Beispiel die Bundesprogramme zur Förderung einer demokratischen Kultur seien nicht ausreichend und stark verbesserungswürdig. Die Experten bemängeln vor allem, das es keine „umfassende Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland“ gebe. Stattfindende Projekte seien viel zu wenig aufeinander abgestimmt und befassen sich viel zu mangelhaft mit dem Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft. Zudem hätten die meisten Projekte nur Modellprojektcharakter und seien daher nicht auf Dauer angelegt.

Neben dem Rechtsextremismus – der nach wie vor Hauptträger des Antisemitismus in Deutschland ist – , besitze auch der Islamismus ein erhebliches Gefahrenpotential. Die Experten regen in diesem Zusammenhang eine Untersuchung an, inwieweit in islamischen Gruppen auch unter den in Deutschland lebenden Muslimen Antisemitismus verbreitet wird.

Weiterhin wird im vorgelegten Antisemitismusbericht kritisiert, dass über in Punkten auch legitime Israelkritik, antisemitistische Ansichten verbreitet werden. Die im Zusammenhang mit der israelischen Politik geäußerte judenfeindliche Kritik nimmt dermaßen zu, dass man von einem latenten Antisemitismus bei 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung sprechen könne.

Erschreckend in diesem Zusammenhang ist aus meiner Sicht, dass der latente Antisemitismus in Deutschland weitaus höhere Werte erreicht als in Italien, Frankreich, den Niederlanden oder in Großbritannien. Deutschland nimmt im Hinblick auf den Antisemitismus im Europavergleich zwar einen Mittelplatz ein – in Polen, Ungarn und Portugal beispielsweise gibt es erheblich höhere Antisemitismus-Werte. Zur Beruhigung darf das aber nicht dienen, da Deutschland eine besondere Verantwortung gegenüber seiner jüdischen Bevölkerung hat.

Hier der vollständige Berichte zum Herunterladen

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Written by Redaktion

23. Januar 2012 um 3:40 pm

Veröffentlicht in Gesellschaft und Politik

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