STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Zeitgeistkirche führt zur Abkehr

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Immer weniger Gläubige können sich noch mit ihrer Kirche identifizieren. Zu diesem Ergebnis kommt die jüngste Studie des Sinus-Instituts in Heidelberg. Etwa eine Millionen Menschen seien entschlossen, ihrer Religionsgemeinschaft den Rücken zu kehren. Weitere fünfeinhalb Millionen Gläubige spielten mit dem Gedanken, auszutreten. Das sind Zahlen die erst einmal aufhorchen lassen.

Auffällig bei dieser Studie ist, dass die Zahl austrittswilliger evangelischer Christen höher ist als bei den Katholiken. Obwohl sich die evangelische Glaubensgemeinschaft in den letzten Jahrzehnten fast schon bis zur Selbstaufgabe bemüht, sich dem herrschenden Zeitgeist anzupassen, scheinen die Gläubigen das überhaupt nicht honorieren. Im Gegenteil: Vielleicht liegt gerade darin die Ursache, dass sich Menschen immer mehr von ihrer Kirche entfernt haben. Schon Kurt Tucholsky stellte 1930 wenig schmeichelhaft fest, dass ihm an der Haltung der Kirchen in Deutschland vor allem die heraushängende Zunge auffalle. „Atemlos jappsend laufen sie hinter der Zeit her, auf dass ihnen niemand entwische.“ Das ist eine nicht gerade freundliche Einschätzung, aber zumindest heute zutreffend.

Auch die Katholische Kirche in Deutschland hat den Haltungsfehler der heraushängenden Zunge. Der immer wieder versuchte Spagat, einerseits mit der Säkularisierung Schritt halten zu wollen  – auf der anderen Seite aber immer auf die Wiedergeburt der Religion zu hoffen, hat die  Repräsentanten der Kirche an vielen Stellen unglaubwürdig gemacht. Viele Menschen spüren, dass die Kirchenvertreter angesichts des ständigen Hinterherhechelnds hinter dem Zeitgeist langsam der Atem ausgeht. William R. Inge, der Dekan der Londoner St. Pauls-Kathedrale in London während des  Zweiten Weltkrieg, stellte in einem seiner scharfsinnigsten Aphorismen fest: „Wer mit dem Zeitgeist ins Bett geht, wacht bald als Witwer auf.“ Hier liegt dann auch das ganze Dilemma der Kirchen in Deutschland: Fluglärm, Atomkraft, Stuhlkreise, „geschlechtergerechte“ Bibel, in Glaubensfragen möglichst Beliebigkeit – das ist alles nichts, was Menschen an die Kirche binden kann.

Papst Benedikt XVI. hat während seiner Deutschlandreise zum  Zustand der Kirche in Deutschland festgestellt: „Umso mehr ist es wieder an der Zeit, die wahre Entweltlichung zu finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen.“ Der Heilige Vater weiter: „Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben.“

Was der Papst hier formulierte, ist mehr als nur eine Empfehlung – es ist eine Wegweisung! Umso trauriger, dass die Kirche in Deutschland sehr schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen ist. „Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen“ – die Ergebnisse dieses Dahinwurschtelns, wurden in der Sinus-Studie offengelegt.

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Written by Redaktion

22. Dezember 2011 um 7:08 pm

Veröffentlicht in Religion

4 Antworten

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  1. Paulus sagte etwas interessantes zum Thema Zeitgeist: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“
    Was Paulus sagte ist Hammer, es ist die biblische KO-Erklärung für alle christlichen Zeitgeistjunkies.

    Das gerade evangelische Christen und der evangelischen Kirche nahestehende Katholiken dem Zeitgeist hinterherhecheln ist Zynismus pur. Evangelisch bedeutet doch der Schrift nahe zu stehen. Aber offensichtlich hat man dort vergessen die Bibel zu lesen.

    Das ist auch ein Grund warum ich Katholisch wurde: Weil ich eigentlich sehr evangelisch bin und das kann man am Besten als Papsttreuer Christ in der katholischen Kirche sein.

    sttn

    25. Dezember 2011 at 11:37 pm

  2. Das kann ich sehr gut verstehen. Auch ich bin als evangelischer Christ – allerdings zugeggebenermaßen, nur noch Christ auf dem Papier – ein rom- und papsttreuer Katholik geworden. Überzeugtes katholischer Christ zu sein ist die radikalstmögliche Opposition, die ein Mensch von heute gegenüber dem Zeitgeist betreiben kann.

    stefanrochow

    26. Dezember 2011 at 9:41 am

  3. Ich denke das beide Kirchen mit Austritten zu kämpfen haben. Über die Studie hier mal ein Beitrag von der epd:

    Evangelische Kirche: Studie zu Austritten nicht missverstehen

    Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) warnt vor einer missverständlichen Interpretation einer Studie über drohende Kirchenaustritte. Austrittsneigung sei etwas ganz anderes als das tatsächliche Austrittsverhalten, sagte EKD-Pressesprecher Reinhard Mawick am Donnerstag in Hannover. Die Ergebnisse der Studie des Heidelberger Sinus-Instituts bewegten sich im Rahmen dessen, was aus Untersuchungen seit Jahren bekannt sei.

    Den beiden großen Kirchen droht laut Sinus-Institut ein Aderlass an Mitgliedern. Einer noch nicht veröffentlichten Umfrage zufolge sind rund eine Million Christen entschlossen, aus ihrer Religionsgemeinschaft auszutreten.

    Die Austrittsentwicklung habe sich für die evangelische Kirche in den vergangenen Jahren entspannt, argumentierte Mawick. Im Jahr 2010 habe die Zahl der Kirchenaustritte 145.250 betragen. Dies waren 3.000 weniger als 2009. Diese Tendenz werde sich voraussichtlich im laufenden Jahr 2011 fortsetzen.

    „Natürlich sind die Austritte bedauerlich, jeder ist einer zu viel“, sagte der EKD-Sprecher. Für Kirchenaustritte gebe es vielfältige Ursachen und Auslöser, die nur zum Teil in der Kirche selbst lägen. Andererseits sei es aber sehr erfreulich, dass seit geraumer Zeit jedes Jahr knapp 60.000 Menschen in die evangelische Kirche wiedereintreten, übertreten oder sich als Erwachsene taufen lassen.

    Viel ausschlaggebender als die Ausstritte sei für die abnehmende Zahl von Kirchenmitgliedern der demografische Wandel in Deutschland. So würden seit vielen Jahren im evangelischen Bevölkerungsteil immer weniger Kinder geboren, was in der Mitgliederentwicklung zu spüren sei. Mawick erinnerte, dass der evangelischen Kirche rund 24 Millionen Menschen angehörten. Dass nahezu die Hälfte der Deutschen Heiligabend in die Kirche geht, sei ein gutes Zeichen, fügte der Pressesprecher hinzu.

    Quelle: http://www.epd.de/zentralredaktion/epd-zentralredaktion/evangelische-kirche-studie-zu-austritten-nicht-missverstehen

    Güther Launer

    2. Januar 2012 at 11:46 am

  4. Wie kann man heute noch einer Kirche angehören die soviel Leid Kindern und Jugendlichen angetan hat. Wieviel Seelenmorde (Sexueller Missbrauch) begangen wurden kann man in Zahlen garnicht wissen, weil noch soviele Opfer schweigen. Wer heute noch an diesen Kirchen festhält macht sich in meinen Augen mitschuldig an den Verbrechen.

    Jutta

    11. Januar 2012 at 10:35 am


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