STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Ansprache von Benedikt XVI. bei der Generalaudienz

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Bei der heutigen Generalaudienz in Rom, ging Papst Benedikt XVI. noch einmal auf seine Pastorlareise nach Deutschland ein. Diese Rede hier  wiedergegeben:

Liebe Brüder und Schwestern!

Wie ihr wisst, habe ich von Donnerstag bis Sonntag der vergangenen Woche einen Pastoralbesuch in Deutschland gemacht. Deshalb freue ich mich, wie üblich, die Gelegenheit der heutigen Audienz nutzen zu können, um mit euch zusammen die intensiven und wunderbaren Tage, die ich in meinem Heimatland verbracht habe, noch einmal zu überdenken. Ich habe Deutschland von Nord nach Süd und von Ost nach West durchquert. Von der Hauptstadt Berlin nach Erfurt und ins Eichsfeld und schließlich nach Freiburg, einer Stadt, die nahe an der Grenze zu Frankreich und zur Schweiz liegt. Ich danke vor allem dem Herrn für die Möglichkeit, die er mir gegeben hat, den Menschen zu begegnen und von Gott zu erzählen, gemeinsam zu beten und die Brüder und Schwestern im Glauben zu stärken, entsprechend dem besonderen Auftrag, den der Herr dem Petrus und seinen Nachfolgern anvertraut hat. Der Besuch, der unter dem Motto stattfand „Wo Gott ist, da ist Zukunft“, war wirklich ein großes Fest des Glaubens: in zahlreichen Begegnungen und Gesprächen, in den Gottesdiensten und besonders in den feierlichen Messen mit dem Volk Gottes. Diese Momente waren ein kostbares Geschenk, das uns erneut erfahren ließ, dass es Gott ist, der unserem Leben den tiefsten Sinn und die wahre Fülle gibt; mehr noch, dass nur er uns und allen eine Zukunft gibt.

Mit tiefer Dankbarkeit erinnere ich mich an die herzliche und begeisterte Aufnahme sowie auch an die Aufmerksamkeit und die Liebe, die mir an den verschiedenen Orten, die ich besucht habe, gezeigt wurden. Ich danke von Herzen den deutschen Bischöfen – besonders den Bischöfen der Diözesen, in denen ich zu Gast war -, für die Einladung und für alles, was sie zusammen mit vielen Mitarbeitern zur Vorbereitung dieser Reise getan haben. Ein herzlicher Dank geht gleichermaßen an den Bundespräsidenten, an die politischen Autoritäten und die zivilen Behörden auf Bundes- und Landesebene. Ich bin zutiefst dankbar für alles, was sie in verschiedener Weise zum guten Ausgang dieser Reise beigetragen haben, vor allem den zahlreichen freiwilligen Helfern. Sie war ein großes Geschenk für mich und für uns alle und hat Freude, Hoffnung, einen neuen Glaubenseifer und Schwung zu einem Engagement für die Zukunft geweckt.

In der Bundeshauptstadt Berlin hat der Bundespräsident mich in seiner Residenz empfangen; er hat mich in seinem und im Namen meiner Landsleute willkommen geheißen und dabei die Wertschätzung und die Liebe gegenüber einem auf deutschen Boden geborenen Papst zum Ausdruck gebracht. Ich konnte meinerseits einen kurzen Gedanken über die wechselseitige Beziehung zwischen Religion und Freiheit darlegen, indem ich einen Satz des großen Bischofs und Sozialreformers Wilhelm von Ketteler zitierte: „Wie die Religion die Freiheit braucht, so braucht auch die Freiheit die Religion“.

Sehr gern habe ich die Einladung, in den Bundestag zu kommen, angenommen; dies war auf meiner Reise sicherlich einer der bedeutendsten Augenblicke. Zum ersten Mal hat ein Papst vor den Mitgliedern des deutschen Parlaments eine Rede gehalten. Bei dieser Gelegenheit wollte ich die Grundlage des Rechts und des freien Rechtsstaates darlegen, das heißt, das Maß allen Rechts, das vom Schöpfer in das Sein seiner Schöpfung eingeschrieben worden ist. Es ist daher notwendig, unseren Begriff der Natur zu erweitern, indem wir sie nicht nur als eine Reihe von Funktionen verstehen, sondern darüber hinaus als Sprache des Schöpfers, die uns hilft, das Gute vom Bösen zu unterscheiden.

Anschließend gab es auch Raum für die Begegnung mit einigen Vertretern der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Indem wir uns an die gemeinsamen Wurzeln unseres Glaubens an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs erinnert haben, haben wir der Früchte gedacht, die bis jetzt im Dialog zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum in Deutschland gewonnen wurden. Ich hatte auch die Gelegenheit, einige Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft zu treffen; mit ihnen habe ich mich über die Wichtigkeit der Religionsfreiheit für eine friedliche Entwicklung der Menschheit verständigt.

Die heilige Messe im Olympiastadion in Berlin am Ende des ersten Besuchstages war eine der großen liturgischen Feiern, die mir die Möglichkeit gaben, gemeinsam mit den Gläubigen zu beten und sie im Glauben zu ermutigen. Ich habe mich sehr über die große Beteiligung der Menschen gefreut! In diesem feierlichen und eindrucksvollen Augenblick haben wir über das biblische Bild vom Weinstock und den Reben meditiert, das heißt über die Bedeutung des Einsseins mit Christus für unser persönliches Leben als Gläubige und für unser Sein als Kirche, als sein mystischer Leib.

Die zweite Station meines Besuches war Thüringen. Deutschland und insbesondere Thüringen sind das Land der protestantischen Reformation. Von Anfang an wollte ich daher unbedingt im Rahmen meiner Reise einen besonderen Wert auf die Ökumene legen; es war mein großer Wunsch, einen ökumenischen Moment in Erfurt zu erleben, weil in eben dieser Stadt Martin Luther in das Kloster der Augustiner eingetreten war und dort zum Priester geweiht wurde. Deshalb habe ich mich sehr über das Treffen mit den Mitgliedern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und über den ökumenischen Akt im ehemaligen Kloster der Augustiner gefreut: es war eine herzliche Begegnung, die uns im Gespräch und im Gebet tiefer zu Christus geführt hat. Wir haben erneut gesehen, wie wichtig unser gemeinsames Zeugnis des Glaubens an Jesus Christus in der heutigen Welt ist, die häufig Gott nicht kennt und sich nicht für ihn interessiert. Es bedarf unserer gemeinsamen Anstrengung auf dem Weg zur vollen Einheit; aber wir sind uns immer sehr bewusst, dass wir weder den Glauben noch die so ersehnte Einheit „machen“ können. Ein von uns selbst geschaffener Glaube hat keinen Wert; und die wahre Einheit ist vielmehr ein Geschenk des Herrn, der für die Einheit seiner Jünger gebetet hat und immer betet. Christus allein kann uns diese Einheit schenken; und in dem Maß, in dem wir uns zu ihm hinkehren und uns von ihm umgestalten lassen, sind wir immer mehr geeint.

Ein besonders bewegender Augenblick war für mich die Feier der Marienvesper am Wallfahrtsort Etzelsbach, wo mich eine Menge von Pilgern empfangen hat. Schon seit meiner Jugend habe ich über die Gegend des Eichsfelds – ein Landstück, das in den verschiedenen Wechselfällen der Geschichte immer katholisch geblieben ist – sprechen gehört und über seine Einwohner, die sich mutig der nationalsozialistischen und der kommunistischen Diktatur widersetzt haben. Daher war ich sehr glücklich, dieses Eichsfeld und seine Menschen auf einer Wallfahrt zum wunderbaren Bild der schmerzhaften Jungfrau von Etzelsbach zu besuchen, wo die Gläubigen seit Jahrhunderten ihre Bitten, Sorgen und Leiden Maria anvertraut und Trost, Gnade und Segen empfangen haben.

Ebenfalls ergreifend war die auf dem wunderbaren Domplatz zu Erfurt gefeierte Messe. Ich habe an die heiligen Patrone Thüringens – an die heilige Elisabeth, den heiligen Bonifatius und den heiligen Kilian – sowie an das leuchtende Beispiel der Gläubigen erinnert, die das Evangelium während der totalitären Systeme bezeugt haben. So habe ich die Gläubigen eingeladen, die Heiligen von heute und wahre Zeugen Christi zu sein und dazu beizutragen, unsere Gesellschaft aufzubauen. Immer waren es die Heiligen und die von der Liebe Christi durchdrungenen Menschen, die die Welt wahrhaft umgestaltet haben. Bewegend war auch die kurze Begegnung mit Msgr. Hermann Scheipers, dem letzten lebenden deutschen Priester, der das Konzentrationslager Dachau überlebt hat. In Erfurt hatte ich auch die Gelegenheit, einige Opfer von sexuellem Missbrauch durch Ordensmänner zu treffen. Ich wollte ihnen mein Bedauern und meine Anteilnahme an ihrem Leiden versichern.

Die letzte Station meiner Reise führte mich in den Südwesten Deutschlands, in die Erzdiözese Freiburg. Die Bewohner dieser schönen Stadt, die Gläubigen der Erzdiözese und zahlreiche Pilger, die aus der nahegelegenen Schweiz, aus Frankreich und aus anderen Ländern gekommen waren, haben mir einen besonders festlichen Empfang bereitet. Das konnte ich auch in der Gebetsvigil mit Tausenden von Jugendlichen erfahren. Ich war glücklich zu sehen, dass der Glaube in meiner deutschen Heimat ein junges Antlitz hat, das lebendig ist und eine Zukunft hat. In dem beeindruckenden Lichtritus habe ich den Jugendlichen die Flamme der Osterkerze übergeben, das Symbol des Lichtes, das Christus ist. Und ich habe sie ermahnt: „Ihr seid das Licht der Welt“. Ich habe ihnen erneut gesagt, dass der Papst auf die aktive Mitarbeit der Jugendlichen vertraut: Mit der Gnade Christi sind sie in der Lage, das Feuer der Liebe Christi in die Welt zu tragen.

Ein einzigartiger Moment war das Treffen mit den Seminaristen im Freiburger Seminar. In einem gewissen Sinne habe ich auf den ergreifenden Brief geantwortet, den sie mir einige Wochen vorher hatten zukommen lassen. Ich wollte diesen jungen Menschen die Schönheit und Größe ihrer Berufung von Seiten des Herrn zeigen und ihnen einige Hilfen anbieten, um den Weg der Nachfolge mit Freude und in tiefer Gemeinschaft mit Christus zu verfolgen. Im Seminar hatte ich auch die Gelegenheit, in einer brüderlichen Atmosphäre einige Vertreter der orthodoxen Kirchen und der östlichen Orthodoxie, denen wir Katholiken uns sehr nahe fühlen, zu treffen. Gerade aus dieser großen Gemeinsamkeit entspringt auch die gemeinsame Aufgabe, Sauerteig für die Erneuerung unserer Gesellschaft zu sein. Eine freundschaftliche Begegnung mit Vertretern der deutschen katholischen Laien schloss die Reihe von Zusammenkünften im Seminar ab.

Die große, sonntägliche Eucharistiefeier am Freiburger Touristen-Flughafen war ein weiterer Höhepunkt des Pastoralbesuchs; sie bot die Gelegenheit, allen zu danken, die sich in den verschiedenen Bereichen des kirchlichen Lebens engagieren, vor allem den vielen Ehrenamtlichen und Mitarbeitern der caritativen Initiativen. Sie sind es, die die vielfache Hilfe möglich machen, die die deutsche Kirche der Weltkirche und besonders den Missionsländern anbietet. Ich habe auch daran erinnert, dass ihr wertvoller Dienst immer fruchtbar sein wird, wenn er aus einem authentischen und lebendigen Glauben in Einheit mit den Bischöfen und dem Papst, in Einheit mit der Kirche kommt.

Schließlich habe ich vor meiner Rückreise zu tausend in Kirche und Gesellschaft engagierten Katholiken gesprochen; ich habe einige Überlegungen über das Wirken der Kirche in einer säkularisierten Gesellschaft dargelegt und über die Aufforderung, von materiellen und politischen Lasten frei zu sein, um transparenter für Gott zu werden.

Liebe Brüder und Schwestern, die Apostolische Reise nach Deutschland hat mir die günstige Gelegenheit geboten, die Gläubigen meiner deutschen Heimat zu treffen, um sie im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu stärken und mit ihnen die Freude zu teilen, katholisch zu sein. Aber meine Botschaft war an das ganze deutsche Volk gerichtet, um alle einzuladen, mit Vertrauen in die Zukunft zu schauen. Es ist wahr: „Wo Gott ist, da ist Zukunft“. Ich danke noch einmal all denjenigen, die diese Reise möglich gemacht haben, und denen, die mich mit dem Gebet begleitet haben. Der Herr segne das Volk Gottes in Deutschland und segne euch alle. Danke.

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Written by Redaktion

28. September 2011 um 6:18 pm

Veröffentlicht in Religion

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