STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Viva la Revolution

leave a comment »

Der Besuch des Heiligen Vaters ist mehr als eine Heimatvisite gewesen. Dass Benedikt seiner Kirche in Deutschland etwas zu sagen hatte, das machten die vier Tage unmissverständlich deutlich. Ich selbst muss für mich feststellen, dass ich heute immer noch ganz hingerissen von den vielen Impulsen und Eindrücken bin. Wenn ich es auch schon immer wusste, ist es mir wieder einmal deutlich vor Augen geführt worden: Ein wirklich Großer ist vor sechs Jahren auf den Stuhl Petri gewählt worden.

Wenn im Nachgang nun Stimmen laut werden, die darüber lamentieren, was der Papst nun alles nicht gesagt hat, dann kann man nur mit Blaise Pascal feststellen: „Die Wahrheit ist in dieser Zeit so sehr verdunkelt, und die Lüge so allgemein verbreitet, dass man die Wahrheit nicht erkennen kann, wenn man sie nicht liebt.“

Mit seinem Aufruf, weniger strukturelle Debatten zu führen, sondern sich um die Vertiefung des Glaubens zu bemühen, hat er vielen Gläubigern aus der Seele gesprochen. Jene, deren Katholizismus sich allerdings seit Jahren auf Stuhlkreise, Reform- und Strukturdebatten verengte, denen kann naturgemäß Benedikts Botschaft nicht gefallen haben. Geradezu revolutionär muss ihnen dann die Freiburger Rede am Sonntag vorgekommen sein: Die Kirche in Deutschland soll sich entweltlichen und auf staatliche Privilegien verzichten. Diese Aufforderung ist starker Tobak in den Augen jener, die öffentlich immer wieder betonen, wie sehr sie an ihrer Kirche leiden, sich aber im Gegenzug reichlich aus Kirchensteuernmitteln bezahlen lassen. So kann man dann in den letzten Jahren feststellen, dass es einen Bruch in der katholischen Kirche Deutschlands gibt. Auf der einen Seite jener schwerfällige, träge und fad gewordene Apparat – bestens versorgt mit Steuermitteln – und auf der anderen Seite die neuen, vitalen, glaubensstarken und aktiven Kirchenbewegungen, die auf den Aktivismus ihrer Anhänger und ausschließlich auf Spendengelder setzen. Der Pontifex hat also recht, wenn er sagt: „Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben.“

Ist es nicht im Moment die große Krise der Kirche in Deutschland, dass sie in vielen Bereichen satt und behäbig geworden ist? Das Rückgrat der Kirche war aber nie die Kirchensteuer, sondern der Glaube der Menschen. Um die Stärkung dieses Glaubens hat sich die Kirche in Deutschland an vielen Stellen in der Vergangenheit viel zu wenig gekümmert. Als ich mich vor einigen Jahren dazu entschloss zum Katholizismus zu konvertieren, so hatte ich plötzlich einen Schatz entdeckt, der zu heben mir vergönnt gewesen war. Umso unverständlicher war es mir, dass es innerhalb der Katholischen Kirche Zweifler und Schwarzmaler gibt, die sich und andere genau um diesen Schatz bringen möchten. Die Katholische Kirche ist ohne Zweifel reformbedürftig. Diese Reform kann aber nur die „Entweltlichung“ der Kirche sein. Der Papst machte es in seiner Freiburger Rede deutlich: „Was das grundlegende Motiv der Änderung betrifft, so ist es die apostolische Sendung der Jünger und der Kirche selbst“. „Dieser ihrer Sendung muss die Kirche sich nämlich immer neu vergewissern“.

Bleibt man bei der Betrachtung der Kirche ausschließlich an Äußerlichkeiten hängen und versucht ausschließlich strukturelle Reformdebatten zu führen, hat man das Wesen der Kirche eben ganz und gar nicht erfasst. Die Kirche wäre dann eben nur eine von vielen Organisationen innerhalb  der Gesellschaft. Die Freude an der Kirche schwindet und angesichts dieser fehlerhaften Vorstellung von Kirche werden „Kirchenträume“ enttäuscht und man fängt an, an seiner Kirche zu leiden. Dieses Phänomen erleben wir heute in Deutschland leider viel zu viel.

Der katholische Philosoph Dr. Armin Schwibach sprach in seinem jüngsten Artikel über den Deutschlandbesuch des Papstes von der „Revolution Benedikt“. Ich für meinen Teil muss sagen, dass ich mich von dieser „Revolution Benedikt“ habe anstecken lassen. Die Botschaft des Papstes in Deutschland war eine Herausforderung. An ihr könnte sich die Zukunft entscheiden.

Advertisements

Written by Redaktion

27. September 2011 um 2:28 pm

Veröffentlicht in Religion

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: