STEFAN ROCHOW

Journalist & Autor

Bierseeligkeit und Rassengerassel

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Quelle: Simplicicissimus (1906)

Am vergangenen Wochenende wurde ich rüde an vergangene Zeiten in meinem Leben erinnert. Traditionell fand an diesem Wochenende der Burschentag in Eisenach statt. Es wäre eigentlich keine Beachtung wert, wenn sich Studenten und ehemalige Studenten treffen und sich und ihren Verband in biergeschwängerter Atmosphäre hochleben lassen. Lediglich Touristen in Eisenach können in dieser Nabelschau eventuell einen folkloristischen Wert entdecken. Warum also meine Erwähnung?

Diesmal debattierte die Deutsche Burschenschaft über einen Antrag eines Mitgliedsbundes aus Bonn, der eine andere Burschenschaft aus ihrem Dachverband ausschließen möchte, weil diese einen deutschen Staatsbürger aufgenommen hat, dessen Eltern aus Hongkong stammen.

Aus dem gesamten Antrag spricht ein menschenverachtender Rassismus, der nicht nur anwiedert, sondern vor allem entsetzt. „In Zeiten fortschreitender Überfremdung“ sei es aus Sicht der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn „nicht hinnehmbar, dass Menschen, welche nicht von deutschem Stamme sind, in die Deutsche Burschenschaft (DB) aufgenommen werden“. Damit ist aber mit dem Rassengerassel noch lange nicht Schluss. „Eine nichteuropäische Gesichts- und Körpermorphologie“ weise auf „die Zugehörigkeit zu einer außereuropäischen populationsgenetischen Gruppierung“ hin, wird weiter erklärt . Solche Leute könnten nicht der „geschichtlichen Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes“ angehören. Und damit auch keiner Burschenschaft.

Dass die Bonner Burschenschaft diesen Antrag zurückgezogen hat, dürfte am Druck von außen gelegen haben. Die Gesinnung ist aber deutlich herausgestellt und lässt keinen Interpretationsspieltraum.

Genau hier fühle ich mich an meine eigene Vergangenheit erinnert. Auch ich war viele Jahre Burschenschafter. Auch ich vertrat einmal genau diesen Rassismus. Plötzlich erinnerte ich mich wieder an Veranstaltungen, auf denen in fortgeschrittener Stunde Lieder wie „Bomben auf England“ gesungen werden, wirre rechte Parolen gegrölt werden und rechts neben sich eigentlich nur die Wand stehen gelassen wird. Irgendwie sind das gruslige Erinnerungen. Wie tief muss man geistig-moralisch gesunken sein, dass man seine Freude an solchem Zauber haben kann?

Schlägergeklirr, Bierseeligkeit, Rassengerassel und dumpfer Nationalismus bilden das Rückgrat vieler Mitgliedbünde in der Deutschen Burschenschaft. Besonders in der innerhalb der DB weit nationalistisch ausschlagenden Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG), ist rassistisches Gedankengut an der Tagesordnung. Was hier unter dem Deckmantel von Patriotismus und Vaterlandsliebe – Begriffen, gegen die eigentlich nichts einzuwenden ist – geschieht, zeigt auf, wie anfällig manche Gruppen noch heute für totalitäre Tendenzen sind.

Mir erscheinen meine Erinnerungen heute wie blasse Bilder aus längst vergangen Tagen. Mit meinem heutigen christlichen Menschenbild, ist eine Gesinnung, wie sie in den Burschenschaften vertreten und von „liberaleren“ Burschenschaften zumindest toleriert wird, nicht mehr vereinbar. Beruhigend sind solche Vorgänge wie in Eisenach trotzdem nicht.

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Written by Redaktion

20. Juni 2011 um 9:23 pm

Veröffentlicht in Gesellschaft und Politik

Eine Antwort

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  1. Erschreckend habe ich die Berichterstattung verfolgt und es ist für mich immer noch Unfassbar, dass solche Meinungen in einem akademischen Verband fruchten können. Vielleicht sollte man sich einmal überlegen Verbindungen mit diesen Meinungen aus einen solchen Dachverband auszuschließen. Ich setzte da auf die Vernunft der der demokratischen Menschen. Trotzdem Hut ab Herr Rochow, dass Sie ihren Weg gefunden haben und erkannt haben was für ein fürchterlicher Geist in rechtsextremistischen Kreisen herrscht.

    Bernhard Höhe

    22. Juni 2011 at 9:26 am


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